Werbewahnsinn

Ist Kreativität überhaupt gefragt?

Früher oder später gerät jeder "Kreative" an den Punkt, sein eigenes Schaffen zu hinterfragen. Das ist ein guter und wichtiger Fakt, um sein eigenes Werk zu bewerten. Doch betrachtet man das Ganze einmal mit etwas Abstand, ergibt sich plötzlich ein ganz anderes, zuweilen höchst paradoxes Bild.

Egal welche Branche oder welche Disziplin man betrachtet - überall wird nach Neuem, Schönerem und Besserem gegiert. Man sucht scheinbar das Unbekannte, die Überraschung. Doch wie viele von diesen Überraschungen überleben tatsächlich? Was hält Einzug in unser Leben? Und was machen die eigentlich, die solche Überraschungen produzieren sollen?

Abgesehen von wenigen Revolutionen, wie der Marktreife eines Westentaschencomputers, auf dessen Bildschirm man mit den Fingern rumklimpern kann, passiert im Grunde nicht viel. Und das merkt jeder, der etwas erschaffen will:

- Der Photograph, der zum siebenhundertzwanzigsten Mal genau so ein Bild, wie das damals aufm Titel machen soll - aber bitte dabei aus der Mitte-Fünfzig-Jährigen einen griffigen Teenager retuschieren.

- Der Musiker, von dessen Komposition dank der "Markt-Weitsicht" des Labels allenfalls drei Töne übrig bleiben.

- Der Programmierer, dessen neues superschlankes Tool durch die Wünsche der Kundschaft bis zur Unendlichkeit aufgeblasen wird.

- Der Layouter, der ein umwerfend neues Konzept entwickeln soll, das dann durch die Auftraggeber so lange verbessert wird, bis es genau so aussieht, wie zur Erfindung des Desktop-Publishings.

- Der Graphiker, der endlich mal ein zeitgemäß schlichtes Logo präsentiert und nach langer Korrekturphase alle Farben des Regenbogens verbaut hat...

- Bleibt vielleicht noch die Kunst!? Ja, da kann man sich austoben, wie einem die Gehirnwindungen gewachsen sind. Wären nicht die Galerien und Händler... momentan ist doch gerade dieser Trend gefragt! Könnten sie nicht einfach malen, statt Skulpturen drechseln!?

Deswegen fahren wir auch am liebsten Golf in der achten Generation. Wobei... die erste war wirklich etwas revolutionär Neues... bis die Verbesserungen kamen... und der Wunsch, es jedem recht zu machen.

Design oder resign.

Wenn man sich mit Design im weitesten Sinne beschäftigt bekommt man früher oder später ein gutes Gefühl für das Material, was man verarbeitet. Auch jenseits der eigenen Kompetenzen weiß man oft sehr schnell was geht und was nicht, mit wie viel Aufwand eine Produktion verbunden ist und ob oder wen man zur Hilfe rufen muss, wenn man an die Grenzen seiner eigenen Handfertigkeit gerät.

Es gibt jedoch eine zeitgemäße Form des Designs die sich beinahe jeder Konvention entzieht und die obendrein so etwas wie einen lebenden Organismus darstellt. Ein umtriebiges Ding, dass sich jeden Tag von einer anderen Seite zeigt: Webdesign.

Vorbei die Zeiten, zu denen man sich vor ein leeres Blatt Papier setzt, seinen Gedanken freien Lauf lässt und dann nach einer Möglichkeit sucht seine Ideen selbst umzusetzen oder eben jemanden beauftragt, der das für einen erledigt.

Spätestens, wenn man sich einmal intensiver damit beschäftigt hat, das jeder auch noch so einfache Entwurf auf jedem der drölf Trillionen möglichen Ausgabegeräte anders aussehen wird und einen das noch nicht demoralisieren konnte - fliegt jedem ansatzweise gestaltungsverliebten Menschen der Draht aus der Mütze, wenn es darum geht abzuwägen welche Einschränkungen im Design noch umgesetzt werden müssen, um wenigstens einem Großteil der zu erwartenden Audienz einen ungefähr, ansatzweise, vielleicht, ähnlichen Eindruck zu vermitteln.

Es gab eine Zeit da galt in solchen Fällen Flash als Allheilmittel - trotzdem konnte ich mich auch in der prä-iPhone-Ära nicht mit dieser Technik anfreunden. Der Tribut ist, das es heute zig mehr oder weniger ineinander verwobene Techniken gibt, die auch noch je nach Anzeigesoftware unterschiedlich angesprochen sein wollen und im Grunde darf man dann sein Design drei bis acht mal neu überarbeiten und anpassen und am Ende darauf hoffen, das es niemandem auffällt, dass das Ergebnis auf der Kombination Betriebssystem X / Browser Y eigentlich mal garnicht geht.

Die Frage die ich mir heute öfter denn je stelle ist nicht mehr, was der ganze Unsinn soll, sondern ob ich mir das wirklich noch antun muss...

Gutes Design sollte vor allem kompromisslos sein und der Sprache des Designers folgen. Gutes Webdesign ist jedoch nichts weiter als der beste Kompromiss aus einem Wirrwarr an Dialekten.

Multitalent sein ist fürn Arsch.

Früher - und dieses Früher ist wenig mehr als eine Dekade alt - hatte ich immer die passende Ausrede „Stimmt, ich kann alles, aber nix richtig“ auf den Lippen.

Zu dieser Zeit gab es aber noch so etwas wie ein Grundverständnis dafür, das man zur Produktion eines Kataloges wenigstens einen Photographen, einen Texter, einen Typographen, einen Layouter, einen Retuscheur, den ein oder anderen Helfer und natürlich das kreative Mastermind braucht.

Irgendwann begannen dann die Zeiten zu denen die Auftraggeber glaubten: Der Typ sitzt sowieso vor seinem Computer mit all den kreativen Programmen - wieso kann der denn nicht gleich alles machen - und da der sowieso schon alle Daten hat, dann diese bitte auch gleich ins Internet stellen!

Auf diesen Zug sind nicht wenige Einzelkämpfer und Kreativ-Nerds aufgesprungen, denn es war und ist ein scheinbar tolles Unterfangen dem Kunden alles aus seiner Hand bieten zu können. Die Handschrift passt, man muss keine Termine mit anderen absprechen und sich vor allem auch nicht über das angebliche Unvermögen von Spezialisten aufregen. Die Welt könnte so schön sein... währ da nicht dieser unausstehliche Bumerang. Und dabei rede ich gar nicht davon, das man sich mit seiner eigenen Terminplanung irgendwann nur noch ein Grab nach dem anderen gräbt.

Man fügt sich im Laufe der Jahre in all die Schranken ein, die einem durch den eigenen Wissenshorizont beim benutzen der immer mächtiger werdenden Programme gesetzt werden. Man hat gar keine Zeit mehr über all die Tellerränder zu gucken zwischen denen man rumschwimmt. Man hat gar keine Muße mehr sich in den Dingen intensiv weiter zu entwickeln, die einem wirklich am Herzen liegen...

Irgendwann funktioniert man nur noch. Als Schweizer Taschenmesser und nicht als Damaszener-Klinge... und mit der Schärfe und Beständigkeit des Outputs verhält es sich dann auch genau so.

Heute muss ich leider von mir sagen: Ich kann zwar alles - aber schon lange nix mehr richtig.

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Der Werbewahnsinn im Internet ist seit langem Programm - dabei gibt es immer wieder gute Beispiele, wie man es richtig macht. Das genaue Gegenteil exerziert seit geraumer Zeit die ehemals sehr brauchbare Plattform myspace durch.

Nach unausstehlichem Werbeterror im Backend - mit blinkenden uns piependen Bannern - wurde mit der Umstellung auf das abermals neue Profil dem Unfug jetzt die Krone aufgesetzt.

Was bitte machen blinkende, hässliche, Werbebildchen direkt auf meinem Profil? Die ehemalige Platzierung in der Kopfleiste konnte man ja noch geflissentlich ignorieren... aber so? Das sieht ja so aus als würde ICH Werbung für irgendwelche obskuren Single-Börsen und dergleichen machen... und dann auch noch in bunt und zuckend.

Wohl all denen die sich unlängst einen Werbeblocker installiert haben - denn die könnten wenigstens nur das sehen, was ich ihnen zeigen wollte... hätte ich nicht bereits all meine Information ausgeschaltet.

Bye Bye alter Freund.