Homo Antisepticus Germanicus.

Wir haben zwei Weltkriege überstanden, der Kalte Krieg liegt hinter uns und Osama bin Laden ist nicht mehr existent. Während ein Teil der demokratischen Welt noch auf der Suche nach einem neuen Feindbild im nahen Osten ist, haben die ehemaligen Verbündeten auf der anderen Seite der Erde aus gutem Grund den Geigerzähler zu Ihrem liebsten Gadget erkoren. Ja und wir, wir haben endlich unseren ganz eigenen Feind unter ein par alten Weggefährten ausgemacht: Es lebe die unsichtbare Bedrohung aus Fleisch, Eiern und Gemüse! Vorbei der Kampf gegen hausgemachte Probleme, wie FCKW, Dioxin, CO2 und die kleinen strahlenden Partikel haben wir spätestens in zehn Jahren im Griff! Wen interessieren schon die Folgen von falscher Ernährung wenn wir beim Einkauf zu verpackten Produkten mit Bio-Siegel Greifen? Da können wir doch sorgenfrei dem neusten Trend frönen und das frische Gemüse mit Chemischen Keulen keimfrei machen! Und nicht vergessen: Auf öffentlichen Toiletten werden zwar keine gesundheitsgefährdenden Keimkonzentrationen gefunden - aber richtig geputzt wird da nicht! Mit wirksamen Desinfektionsmitteln ginge das noch viel sauberer! Benutzen sie diese wenigstens zu Hause und ein Desinfektionsmittelspender neben dem Waschbecken ist das mindeste was sich noch anschaffen sollten. Bereits einundzwanzig Tote! Das bedeutet Krieg! Vergessen sind all die anderen Krankheiten die seit Dekaden tausende von Menschenleben kosten - da finden die ja sowieso kein Mittel. Bahnbrechende Entwicklungen in der HIV-Forschung gehen dann auch gerne mal auf irgendeiner News-Plattform unter, denn wir wissen ja bereits, wie man die intimsten Momente keimfrei gestalten kann... Ich höre jetzt besser auf, bevor ich von den ganzen Desinfektionswahn noch Hautausschlag bekomme und ziehe mir einfach das T-Shirt von gestern noch einmal an. Der Kaffeebecher vom Wochenende darf auch noch einmal genauso ungespült wie das Frühstücksmesser seinen Dienst verrichten - vielleicht werde ich durch so ein verhalten jetzt zum einsamsten Menschen in diesem Land - aber dafür fühle ich mich wenigstens noch wie einer.