Wunderbar

Warum ich den Herbst so sehr liebe ...

Einige wissen ja, dass ich mitten unter Euch in einer anderen Zeitzone lebe. Das hat viele gute Gründe und ein besonders zauberhafter ist mir eben wieder mit aller Macht bewusst geworden.

Ich mag die Nacht nicht wegen des fehlenden Lichtes, sondern weil sie die Welt um mich herum beruhigt. Das wuselige Leben, dass einen sonst umgibt, zieht sich langsam in die Behausungen zurück. Die Straßen werden ruhig und die Menschen bereiten sich auf Ihren Feierabend vor.

Für so viele bedeutet „Prime Time“ das langsame entschlummern auf dem Sofa und für mich ist es allenfalls die Zeit mal über das Mittagessen nachzudenken. Deshalb gehe ich auch gerne zu dieser Zeit einkaufen. Der Kaufmannsladen ist viel leerer, die Bediensteten zwar abgekämpft, aber bereits in freudiger Erwartung auf ihr baldiges Arbeitsende, es geht alles ein wenig langsamer - und trotzdem spart man Zeit.

Als ich eben aus dem kleinen Markt ums Eck kam und ganz allein auf dem sonst recht belebten Parkplatz stand, wusste ich wieder, dass ich hier und jetzt richtig bin. Die wenigen Geräusche von der Straße und aus der Siedlung gingen im sanften rascheln der Blätter des nahen Friedhofs unter und kein panischer Homo Hektikus weit und breit. Momente, die man sie sonst eher einem Sonntagabend im Winter zuschreibt. Doch jetzt, wo es noch mild ist und mit etwas Glück die Luft nach frisch geschnittenem Geäst riecht — dann ist dieser Moment, an dem die Sonne einer langsam kriechenden Kälte weicht, der vielleicht schönste Augenblick des Tages.

Sicher kann ein Jeder diesen Zeitpunkt erleben. Doch ich es macht einen Unterschied, ob man bereits sein Tagewerk hinter sich hat und sich nach der heimischen Ruhe sehnt, oder ob man im Grunde gerade erst richtig wach wird und die Ruhe des Tages in vollen Zügen auskosten kann. Denn morgens ist es irgendwie anders - dann wenn die Stille der Nacht durch das aufkeimende Treiben gebrochen wird ist es aus mit dem Frieden. Für mich die beste Zeit schlafen zu gehen. Gerade im Herbst.

Einundfünfzig Rosen.

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Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass für mich als Kind meine Eltern so etwas wie die ersten Superhelden in meinem Leben waren. Papa der klügste und stärkste Mann der Welt und Mamma die mit Abstand liebenswerteste Frau, die ich mir vorstellen konnte. Irgendwann wurde das langsam dadurch entzaubert, das Supermann fliegen konnte und all die herzzerreißenden Kinofilme berührten mich mehr, als die wundervollen Gesten die sich direkt vor meiner Nase abspielten.

Da war schon immer dieser ganz besonderen Tag im Juli in unserem Hause - und irgendwann bemerkte ich, das jedes Jahr zur selben Zeit eine Rose mehr in der Blumenvase stand, wenn ich Ma und Pa begrüßte. Gestern Morgen fiel mein Blick auf einen Strauß mit 50 wunderschönen Rosen. 50 Jahre verheiratet - das ist länger als ich auf diesem Planeten wandele und das ist eine Etappe in einem gemeinsamen Leben die ich wohl kaum noch erreichen werde. 50 Jahre gemeinsame Höhen und 50 Jahre die ein oder andere Untiefe, doch jedes Jahr wuchs der Strauß um eine Rose.

Als am gestrigen Abend die Feierlichkeiten begannen, erzählte mein Vater von den 50 Jahren und davon das 5 Jahre zuvor alles mit einer Rose begann, die er unter Anstrengungen aus einem Garten pflückte. Er überreichte meiner Mutter eine weitere Rose mit den Worten „Und diese erste Rose habe ich für Dich konserviert“. Er hatte ein wenig geschwindelt, denn es war natürlich nicht die Rose die er seiner Liebsten bereits 1956 überreichte. Es war ein Schatulle in Form einer roten Rose in der sich eine goldene Kette mit einem Medaillon verbarg. Eine schlichte Plakette auf der eine Rose zu erkennen ist, eine Rose geprägt auf nichts weiter als purem Gold. Diesem ganz besonderen und wertvollen Metall, das für uns alle zum Sinnbild dieses Jubiläums geworden ist. Doch dessen Glanz nicht ansatzweise das widerspiegeln kann, was so ein Tag für die bedeutet, die ihn feiern dürfen.

Ich freue mich von ganzem Herzen diese einundfünfzig Rosen bei meinen Eltern erlebt zu haben - und ich weiß jetzt das ich als kleiner Junge schon genau so klug war wie heute: Denn meine Eltern sind und bleiben meine ganz persönlichen Superhelden.