Lebenswahnsinn

Einmal Chicken mit Salz bitte!

Selbst zu kochen - also nicht nur was essbares zubereiten - ist für mich immer noch eine relativ neue "Innovation" und das, was dabei herauskommt genügt sicher keinen Gourmet-Ansprüchen. Es ist simpel, und weil ich es von zu Hause nicht anders kenne, extrem Salzarm.

Vielleicht trieb mich ein verborgener Heißhunger auf Salz heute, nach langer Zeit, mal wieder in die Hallen einer weltbekannten Burger-Bratanstalt mit dem verheißungsvollen "King" im Namen.

Einmal Chicken-Irgendwas-Menue mit Kaltgetränk und Mayo bitte: 6,99 € - so wirklich "billig" is das ja garnicht - aber egal, früher hat mir dieses Zeugs ja auch gemundet. Die Pommes... und oh Wunder, die sonst gerne mal versalzenen Kartoffelstäbchen waren essbar und fielen garnicht so unangenehm auf. Doch bevor mir gleich der Burger ob meiner ethischen Bedenken im Halse stecken bleibt: Hinein damit. Schluck. Ähm, ja?

Weit mehr als irgendwelche Gedanken an Massengeflügelzucht wurden mir spontan meine Geschmacksknospen von den modernen Kochkünsten der Einheitsbräterei verbogen. Das künstliche Grillaroma lässt sich ja schon nicht wegignorieren, aber warum in Dreiteufels Namen packen die da so viel Salz drauf, dass es selbst einem, der auf der Suche nach genau einem solchen Erlebnis ist, spontan die Lippen aufspringen lässt?

Naja - vielleicht, damit man die Limonade anschließend voller Gier hinunterspült? Wenn es denn helfen würde. Einen halben Liter Zuckerwasser später hab ich immer noch einen Geschmack im Mund, als würde ich mit Wasser aus dem Toten Meer gurgeln.

In einem Punkt war dieser Ausflug zumindest gelungen: So schnell wird mich kein Heißhunger mehr auf Salz oder gar nach einem Nahrungsmittelimitat einer Fastfoodkette überkommen. Für die nächsten Stunden bleibt das flaue Gefühl in der Magengend und die hoffentlich beständige Einsicht, dass ich dort nicht mehr hingehöre.

Ich werde an einer Überdosis sterben!

Nein, ich rede nicht von stimmulierenden Substanzen, die man sich in unpassender Menge verabreichen kann. Ich meine auch garnicht die mir, von Natur aus, höchst unangenehme Überdosis Mensch, die regelmäßig zuerst meinen Kreislauf und dann meinen Verstand an den Rande des Zusammenbruches bringt. Und ich bin der festen Überzeugung, dass auch das Überangebot an Informationen und Wissen, was ich mir täglich reinschraube keinen weiteren Schaden ausrichten kann...

Aber spätestens an dem heutigen Tage ist mir bewusst geworden, das ich in einem überschaubaren Zeitfenster an einer massiven Überdosis Kommunikation verrecken werde.

Lange hat es gedauert, mein Umfeld an meine komische Zeitzone zu gewöhnen. Meinen Hauptkommunikationsweg habe ich auch deshalb bereits sehr früh auf Email umgestellt, denn es war immer eine prima Sache, genau dann antworten zu können, wenn es mir in den Kram passt und nicht dauernd vom Telefon aus dem Zusammenhang gerissen zu werden. Doch die schiere Menge an Emails und sonstigen Nachrichten die heutzutage so auf einen einprasselt haben irgendwie dazu geführt, dass ich mittlerweile oft auf Mails schneller antworte als andere ans Telefon gehen. Gelingt das nicht bleiben nicht nur die ungeschriebenen Antworten im Kopf, nein spätestens ne halbe Stunde später klingelt dann auch das Telefon: Warum man nicht geantwortet hat - oder warum man so umfangreich geantwortet hat, da könne man jetzt aber nicht drauf wechseln - oder warum man das nicht bestätigt hat... achso, es ist schon längst erledigt... oder wasauchimmer.

Nein! Mein Vorwurf geht nicht gegen "die Anderen". Jeder versucht nur nach seiner Fasson, mit seinem persönlichen Overkill, fertig zu werden. Der Vorwurf geht an mich selbst: Denn ich sollte es besser wissen! Ich habe schon einmal, vor über einem Jahrzehnt, eine berufliche Laufbahn aufgegeben weil ich zu dabei zu viel telefonieren musste...

Substanzen kann man entsagen. Vor zu vielen Menschen schützen mich sehr effektiv die eigenen vier Wände. Statt ständig neue Informationen aufzusaugen kann ich mich auch prima mal mit bekanntem auseinandersetzen. Das Telefon kann ich abstellen oder missachten, ohne das es mir gleich übel genommen wird und einen Anrufbeantworter braucht heute kein Mensch mehr - denn es gibt ja die Mail. Ist ja auch 'ne tolle Sache so eine Mail. Ich kann selbst bestimmen, wann ich sie lese und wann ich darauf antworte. Und ich könnte mir Filterregeln basteln: Die Guten in Kröpfchen und die Schlechten auf den Stapel. Aber lesen und beantworten muss ich sie doch irgendwann.

Leider ist es einer Überdosis egal, ob sie über den Tag verteilt oder auf einen Schlag eingenommen wird.

Respekt vor der Kreatur.

Sozialen Netzwerke sind in schönes Spiegelbild für das widersprüchliche denken und Empfinden von so manch einem Zeitgenossen. Regelmäßig findet man Aufrufe und Appelle die jedes Tierschützer-Herz zum bluten bringen und nicht selten entwickeln sich dann mehr oder weniger konstruktive Diskussionen darüber, was man besser machen kann und wie Menschen nur so grausam und brutal zu Tieren sein können.
In eben so einer Regelmäßigkeit finden sich dann aber die Beiträge (überwiegend weiblicher) Aspiranten, dass sie wieder einmal Besuch von einer mindestens faustgroßen Spinne in Ihrem Domizil hatten. Diese Unterhaltungen enden dann meistens in mehr oder weniger brauchbaren Tips zur Beseitigung/Tötung dieser unerwünschten Mitbewohner.
Betrachtet man sich die Verfasser all dieser Kommentare dann genauer erkennt man früher oder später eine seltsame Schnittmenge: Sie wird angefüllt mit Menschen die sich auf der einen Seite vehement für den Schutz unschuldigen Lebens engagieren, vielleicht sogar auf den Verzehr von Fleisch verzichten - auf der anderen Seite aber nicht hadern, wenn sie sich von einem centstückgroßen Achtbeiner bedroht fühlen - diesen auch zu erschlagen oder aufzusaugen oder sonstwas.
Nun kann man lange darüber diskutieren, ob und in wie fern das Eine nichts mit dem Anderen zu tun hat. Über die Unterschiede von Säugetieren und Insekten sinnieren oder sich die Frage stellen, ob eine Milbe bereits so viel Persönlichkeit hat wie eine Vogelspinne. Doch für mich fängt der gebotene Respekt vor der Kreatur genau da an, wo Andere bereits bedenkenlos zuschlagen. Und ich werde vermutlich nicht aufhören mich darüber zu wundern, dass so viele Menschen selbst bei diesem Thema so gerne mit zweierlei Maß messen.

Die wollte ich doch garnicht alle nackt sehen.

Facebook-Statusmeldungen haben schon eine eigentümliche Dynamik... Neben dem üblichen Unsinn, den musikalischen Vorlieben und einen mehr oder weniger tiefen Einblick in geschmackliche oder sonstige Präferenzen zeigen sie oft Dinge die man noch viel weniger sehen will, als sich die Verfasser darüber im Klaren sind. Und ich lasse an dieser Stelle mal bewusst die hochgeladenen Bilder aussen vor!

Ein gepflegtes „Ich hasse es hier“ oder der Unmut über die unpassende Extraschicht kommt meistens noch genauso an der richtigen Stelle an, wie das Teilen von temporärem emotionalen oder körperlichem Unwohlsein. Was jedoch in den Köpfen so mancher Zeitgenossen vorgeht die sich permanent oder immer wieder über Gott, die Welt und das eigene Unvermögen auslassen wird mir von Tag zu Tag schleierhafter. Nicht das ich den ganzen Tag nur leichtfüßige Unterhaltung oder Erfolgsmeldungen lesen möchte - das währ ja auch an der Realität vorbei - aber die Penetranz mit der Manche ihren Zorn in die Welt hinausposaunen und auf virtuelle Streicheleinheiten hoffen, erstaunt mich jeden Tag aufs neue.

Nun mag es Sonderlinge geben, denen das sowieso egal ist, was andere anschließend über sie denken - doch warum wollen sie dann ein Feedback? Da es jedoch den Allermeisten ganz und gar nicht egal ist, wie sie auf Ihr Umfeld wirken - ob nun durch ihre Erscheinung oder durch das was sie tun oder sagen, fällt mir regelmäßig ein Draht aus der Mütze wenn ich mir die Historie von all dem Geschrei in Erinnerung rufe. Wissen diese Menschen eigentlich, was sie auf diese Weise alles von sich preisgeben? Hat denen schon mal Irgendjemand oder günstigstenfalls ein Nahestehender gesagt, was nach Ihrem Seelenstriptease noch für ein Eindruck übrig bleibt? Und wieso merkt eigentlich niemand von den Heulbojen, dass das alles ihren eigenen Unmut keinen Deut besser macht?

Oder geht es am Ende doch nur darum, die Umwelt durch das was sie liest und vor allem durch die Bilder die das Erzeugt, ganz langsam auf das eigene Wuterfüllte Niveau herabzuziehen - um sich zum Schluß nicht mehr so Nackt und allein zu fühlen, wie man sich selbst gemacht hat?

Homo Antisepticus Germanicus.

Wir haben zwei Weltkriege überstanden, der Kalte Krieg liegt hinter uns und Osama bin Laden ist nicht mehr existent. Während ein Teil der demokratischen Welt noch auf der Suche nach einem neuen Feindbild im nahen Osten ist, haben die ehemaligen Verbündeten auf der anderen Seite der Erde aus gutem Grund den Geigerzähler zu Ihrem liebsten Gadget erkoren. Ja und wir, wir haben endlich unseren ganz eigenen Feind unter ein par alten Weggefährten ausgemacht: Es lebe die unsichtbare Bedrohung aus Fleisch, Eiern und Gemüse! Vorbei der Kampf gegen hausgemachte Probleme, wie FCKW, Dioxin, CO2 und die kleinen strahlenden Partikel haben wir spätestens in zehn Jahren im Griff! Wen interessieren schon die Folgen von falscher Ernährung wenn wir beim Einkauf zu verpackten Produkten mit Bio-Siegel Greifen? Da können wir doch sorgenfrei dem neusten Trend frönen und das frische Gemüse mit Chemischen Keulen keimfrei machen! Und nicht vergessen: Auf öffentlichen Toiletten werden zwar keine gesundheitsgefährdenden Keimkonzentrationen gefunden - aber richtig geputzt wird da nicht! Mit wirksamen Desinfektionsmitteln ginge das noch viel sauberer! Benutzen sie diese wenigstens zu Hause und ein Desinfektionsmittelspender neben dem Waschbecken ist das mindeste was sich noch anschaffen sollten. Bereits einundzwanzig Tote! Das bedeutet Krieg! Vergessen sind all die anderen Krankheiten die seit Dekaden tausende von Menschenleben kosten - da finden die ja sowieso kein Mittel. Bahnbrechende Entwicklungen in der HIV-Forschung gehen dann auch gerne mal auf irgendeiner News-Plattform unter, denn wir wissen ja bereits, wie man die intimsten Momente keimfrei gestalten kann... Ich höre jetzt besser auf, bevor ich von den ganzen Desinfektionswahn noch Hautausschlag bekomme und ziehe mir einfach das T-Shirt von gestern noch einmal an. Der Kaffeebecher vom Wochenende darf auch noch einmal genauso ungespült wie das Frühstücksmesser seinen Dienst verrichten - vielleicht werde ich durch so ein verhalten jetzt zum einsamsten Menschen in diesem Land - aber dafür fühle ich mich wenigstens noch wie einer.